Drachen in Mythos & Magick
Ein Dialog mit dem Dragon Rouge
Interview mit Tommie Ericksson, veröffentlicht in Wolfzeit Nr. 4, 2002.
Der schwedische Orden des Dragon Rouge, auch genannt Ordo Draconis Et Adamas Ater, ist eine der wenigen, ernstzunehmenden magischen Logen, die mit dem „dunklen“, linkshändigen Pfad der Magick arbeiten. Im Gegensatz zu den meisten artverwandten Gemeinschaften, ist der DR angenehm unspektakulär und undogmatisch. Im DR ist der Status, das Image oder der soziale Rang des Adepten unbedeutend, die gesamte Arbeit konzentriert sich auf das Große Werk: die individuelle Entwicklung und Transformation, das „Werden“ des Einzelnen. Der DR ist ein Weg jenseits der breiten Pfade – für die individuell Suchenden, die Unabhängigen und Experimentierfreudigen. Geschichte, Aufbau und Inhalte des Ordens wurden bereits an anderer Stelle, unter anderem im damaligen Sigill und dem Golem ausführlich behandelt. Dieser Dialog mit Tommi Ericksson ist daher spezifischer Natur: Er bezieht sich in erster Linie auf die Bedeutung des Archetyps „Drache“ in Mythos, Mystik und Magie. Auf der ganzen Welt, in den Mythen und Sagen aller Völker und Kulturen, spielen Drachen eine wichtige Rolle. Was ist die offensichtliche und was die okkulte Bedeutung des Archetyps „Drache“? Was ist die magische Funktion des Drachen?
Der Drache ist etwas, das sich selbst Stück für Stück offenbart während des langen und harten Prozesses des Großen Werks. Aber ich kann dennoch fortfahren und einige meiner persönlichen Gedanken zu dem Thema darlegen. Der Drache ist eine einzigartige Wesenheit, die in sehr vielen verschiedenen Kulturen, unabhängig voneinander gefunden werden kann. Es ist kennzeichnend für den Drachen in der Mythologie, daß er die vier Elemente miteinander verbindet (Schuppen = Wasser, Flügel = Luft, Körper = Erde, Flammenatem = Feuer) und somit selbst zum fünften Element wird, die Quintessenz. In gewissen Mythen trägt der Drache auch eine Perle oder einen Stein, der Weisheit und magische Kraft symbolisiert. Dieser Symbolismus kann z.B. in gnostischen Schriften gefunden werden, wo die Perle das höhere Selbst versinnbildlicht. In den Mythen der Nagas trägt der Drache ebenfalls eine Perle und das Elixier des ewigen Lebens, das gleichermaßen ein tödliches Gift ist.
Äußerst interessant ist die Tatsache, daß der Drache eine Verschmelzung von Schlange und Vogel und damit, Himmel und Erde, ist. Diese zwei Pole existieren in beiden Enden der zentralen Achse (Sushumna, Irminsul/Yggdrasil, etc.). Man kann Vergleiche anstellen zwischen Jormundgandr (der Drache Niddhöggr – d.Ü.), der an der Wurzel des Weltenbaumes Yggdrasil sitzt und dem weisen Adler, der auf dessen Krone thront. Im Tantra haben wir die Shiva/Shakti-Dyade. Shakti steigt vom Muladhara Chakra auf und vereinigt sich mit Shiva im Ajna Chakra, In diesem Stadium erhebt sich die Kundalini als geflügelter Drache. Der Drache symbolisiert somit die letzte Stufe des Prozesses vom Aufstieg der Kundalini-Kraft, wo der Mensch zum Gott wird. Der göttliche Funken wurde aktiviert und verwandelt sich in den Schwarzen Diamanten.
Die Perle des mythologischen Drachen korrespondiert mit der letzten Stufe in der Alchemie (dem Stein der Weisen, dem Elixir Vitae, dem Diamanten, etc.). In der traditionellen westlichen Alchemie ist der Pfad der Initiation eine „via sacra“, die von monotheistischen Religionen beeinflußt wurde und darauf bestrebt ist, das zu vernichten, was als die dunklen Aspekte angesehen wird. Der Lapis Niger wird in
dieser Tradition lediglich als der Grundstein von Saturn betrachtet, der zum höheren weißen Zustand des Stein der Weisen veredelt werden soll, zu Gold oder zum Diamanten.
Die wahre Alchemie der dunklen Mysterien von Khem beschäftigt sich jedoch mit der Erschaffung des schwarzen Elixiers/Pulvers/Steins. Die alchemistische Stufe von Rubedo (rot) korrespondiert mit dem Schwarzen Diamanten. Daher ist die rote Stufe, die Rubedo-Stufe, die wirkliche Ebene der Erfüllung. Das alchemistische Ziel des rechtshändigen Pfades bezieht sich auf das Sahasrara Chakra („Kronchakra“) und die passive Ewigkeit der Leere und Auflösung, während die Stufe des Schwarzen Diamanten sich auf die verborgenen Chakren über Sahasrara und auf eine aktive dynamische Ewigkeit bezieht. Der Schwarze Diamant ist eine höhere Form des Lapis Niger, so wie sich auch das Muladhara (Wurzel-) Chakra in einer erhöhten Form auf der Sahasrara-Ebene wiederfindet. Ouroboros, die Weltenschlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt, symbolisiert den Prozess der vollständigen Einweihung. Somit umfaßt das Symbol des Drachen die Basis der Transformation des Menschen, was sich in unseren Körpern durch Kundalini manifestiert. Drakonische Alchemie ist eine Via Sinistra, ein dunkler Pfad.
Auf der tiefsten Ebene steht der Drache das Fraktal, das sich ewig verändernde Muster dynamischer Lebenskraft.
Was sind die mythologischen Ursprünge des Drachen?
Drachen und drachenartige Wesenheiten werden in Quellen und Abbildungen aus dem alten Sumer und Ägypten genannt. In der sumerischen Kultur gibt es Darstellungen von Drachen, die etwa 3000 Jahre vor der Zeitenwende entstanden sind.
Schulwissenschaftler glaubten lange, daß der chinesische Drache seine
Ursprünge in der westlichen Kultur hat. Aber 1987 fand man in einer Grabkammer im Norden Chinas ein 1 m 78 langes Mosaik aus der Zeit um 5000 v.d.Z., das einen Drachen abbildete.
In den Mythen der Völker wird der Drache oft mit den ursprünglichen
Wassern in Verbindung gebracht, die vor der Schöpfung existierten. Das hebräische Wort Tehom bedeutet “Die tiefe See” und Tehom stammt aus derselben Wurzel wie Tiamat, der Name der sumerischen Drachengöttin. In der babylonischen Mythologie wird die Welt aus dem Körper Tiamats erschaffen.
Auch in der christlichen Mythologie ist Tehom/Tiamat ein Teil der Schöpfung. Siehe Genesis, 1:2 :”Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.” “Tiefe” wurde in den alten Texten mit “Tehom” übersetzt – eine Passage, die in vielen “neu bearbeiteten” Bibelübersetzungen
ausgelassen wurde. In vielen Schöpfungsmythen wird der Körper eines Drachen oder Riesen erschlagen, um daraus Himmel und Erde zu erschaffen. Daher kann die physische Welt als eine Erscheinungsform des Drachen bezeichnet werden und unsere Körper, die aus dem Blut des Drachen erschaffen wurden, als Gefäße, die göttliche Qualitäten in sich tragen.
Die Kundalini der Erde (Ouroboros) und der Körper sind zwei Aspekte des Drachen, der innere und der äußere Drache. Der Ur-Drache steht für die ursprünglichen Gewässer, für den Ur-Ozean vor der Erschaffung der Welt und für die dynamische Schöpfungskraft. Man kann dies mit bestimmten kabbalistischen Theorien vergleichen, die von den zwei grundlegenden Kräften der Schöpfung sprechen. Es gibt die statische und die dynamische Kraft – die dynamische Kraft bricht aus der Struktur der statischen Kraft hervor und gebiert dadurch die sogenannten Qliphoth, die gespiegelten Schattenseiten des Lebensbaumes. Der Ursprung des Wortes „Drache“ kommt von dem griechischen Verb derkein, was soviel wie „sehen“ oder auch „klar erkennen“ bedeutet. Praktische Arbeit mit der Kundalini kann zu einer Ebene der Hellsichtigkeit oder Klar-Sicht führen, auf welcher der Magier durch den Schleier der materiellen Welt zu sehen vermag. Dieser Schleier von Maya, der Welt der Erscheinungen, wird in den rechtshändigen Systemen als eine Illusion angesehen, die der Adept widerstehen muß und durchbrechen soll. Aber der drakonische Adept betrachtet Maya als Energie und Kraftpotential und nicht als etwas, vor dem man entfliehen sollte. Rechtshändige Traditionen basieren auf ethischen Strukturen, die größtenteils theoretischer Natur sind. Linkshändige Traditionen sind praktisch und der Schlüssel zur magischen Arbeit ist die Handlung, nicht die Theorie. Das Wort „Realität“ heißt auf Schwedisch „Verklighet“ und auf deutsch „Wirklichkeit“, worin das Verb „wirken“ verborgen ist. Worte also, die Existenz als einen aktiven Status beschreiben, nicht als passive Reise, sondern als Situation, die auf dem eigenen Willen und das eigene Wirken fußt.
In der christlichen Mythologie wurde der Drache im Laufe der Jahrhunderte zu einem Symbol des Bösen verformt und zu einer weiteren Facette des “Teufels” degradiert. Bekanntestes Beispiel für den negativen Leumund des Drachen ist die “Offenbarung des Johannes” im Neuen Testament. An welchem Punkt wurde der Drache zum Satan?
Der Drache wurde, als eine ursprüngliche Kreatur des Chaos, mit Respekt und Furcht betrachtet. Die christliche Mythologie hat diese Furcht zu ihrem Extrem getrieben und den Archetyp Drachen als Symbol der Lebenskraft unterdrückt, ebenso wie die Lebenskraft des einzelnen Menschen selbst. In den asiatischen Kulturen hat man ein ganz anderes Bild vom Drachen.
Aber um bei der christlichen Folklore zu bleiben: In den zahlreichen Drachentöter-Sagen, wie etwa der Geschichte von Sankt Georg, wird auf metaphorischer Ebene die Unterwerfung der heidnischen Tradition durch die monotheistischen Religionen beschrieben. Gleichzeitig symbolisieren sie die Deaktivierung der Lebenskraft. Wenn der Drache in den Abgrund gestoßen wird, wie es in der Bibel heißt, so geschieht dies auch mit unserer Lebenskraft. Drakonische Magie ist daher ein Pfad in den Abgrund, um die Lebenskraft wieder zu erwecken. In der christlichen Mythologie wird der Drache zu Satan. Die Schlange im Garten Eden, identisch mit Lilith, personifiziert den Aspekt der Kundalini, die Energie des Lebens, die dynamische Kraft, die Gottes perfekte Schöpfungsordnung durchbricht. Dieser Vorgang korrespondiert mit der Nummer 11, die Zahl, die nach der perfekten 10 kommt. Die 11 steht auch wieder für die Qliphoth, die jenseits der 10 Sphären des Lebensbaums liegen.
Haben die Drachentötermythen, wie die Geschichte von St.Georg oder dem germanischen Siegfried, eine tiefere, nicht sofort offensichtliche Bedeutung?
Es liegt auf der Hand, daß diese Mythen mehrere tiefe Schichten und Ebenen der Bedeutung haben. Interessant ist, daß Siegfried, nachdem er den Drachen Fafnir erschlagen hat, den Gesang der Vögel verstehen kann. Ohne Zweifel wird hier die Geschichte einer Initiation erzählt. Siegfried und St.Georg unterscheiden sich aber in einem wichtigen Aspekt: Siegfried gewinnt magische Fähigkeiten und “wird” zum Drachen, während St.Georg ihn traurigerweise nur erschlagen will.
Der Drache symbolisiert die ewigen Kreisläufe der Natur und ebenso die wilden unkontrollierten Kräfte des Unbewußten. Sind dies nicht gegen-sätzliche Energien?
Für mich sind das absolut keine Gegensätze. In unseren modernen, existentiellen Strukturen ist die Natur etwas Unbekanntes, Wildes, Unkontrolliertes. Von unserer Perspektive aus betrachtet, erscheint die sogenannte „Ordnung der Natur“ beinahe als Chaos. Die Ordnung des Menschen ist unnatürlich, wird aber als richtig empfunden. Daher wird die lebendige Natur zur dunklen Antithese. Der äußere Aspekt des Drachen spiegelt sich in der Natur, in der Energie der Erde, nennt man sie nun Drachenkraft, Erdkraft, Od, Önd, Vril, etc. Diese Form der Energie spielt in der heutigen, sogenannten „Zivilisation“ keine Rolle mehr. Aus diesem Grund muß der drakonische Magier, wenn er diese Kräfte verstehen lernen will, auch die äußere, sichtbare „dunkle Seite“ betreten – die Natur bei Nacht.
Es gibt aber auch Aspekte des Drachen die völlig außerhalb von den Zyklen der Natur liegen. Diese gehören dem Schwarzen Drachen. Im Dragon Rouge arbeiten wir mit zwei Kräften, dem Roten Drachen und dem Schwarzen Drachen. Letzterer bezieht sich auf die Anti-Welten, auf die Schatten und das, was „Universum B“ genannt werden kann.
Wie sieht der Pfad des Dragon Rouge aus? Bestehen Ähnlichkeiten zum Typhonischen OTO von Kenneth Grant? Was ist sinnvoll an einem Pfad, der aus chronologischen Einweihungsstufen und Graden der Initiation besteht?
Die drakonische Magie des Dragon Rouge ist eine alchemistische Weiterentwicklung vom Zustand des schieren „Seins“ hin zum aktiven Erschaffen des eigenen „Selbst“. Unser Einweihungssystem basiert auf
den 11 Sphären der Qliphoth und auf bestimmten Motiven, die aus den nordisch-odinischen Strukturen entliehen sind. Das System des Dragon Rouge ist weder beeinflußt, noch ähnelt es dem Typhonischen OTO. Wir verwenden gewisse Namen und Symbole, die sich ähneln oder identisch sind, aber zwischen beiden Systemen gibt es fundamentale Unterschiede. Beispielsweise berufen wir uns nicht auf irgendeine traditionelle Struktur der westlichen Magie. Unsere Initiationen sind praktischer Natur (setzen aber natürlich trotzdem intelektuelles Weiterkommen voraus) und der Grad der Einweihung ist nur dem Magier bekannt, sowie seinen Brüdern und Schwestern auf derselben oder höheren Ebene der Initiation. Diese Ebenen bestimmen lediglich deinen eigenen Standpunkt des Fortkommens. Ein Orden, der dunkelmagisch arbeitet, benötigt ein gewisses System und eine Struktur, um die verschiedenen extremen Erfahrungen und Tätigkeiten zu gliedern.
Bitte geben Sie uns einen kleinen Überblick über dieses Gradsystem.
Das System des Dragon Rouge basiert auf vier hauptsächlichen magischen Systemen: der drakonischen/typhonischen Alkhemie, der Qliphothischen Qabalah, der alten nordisch-odinistischen Magie und dem Vamacara Tantra. Aber dies sind lediglich Blaupausen, Methoden und Wegweiser. Ein Magier des Dragon Rouge kann mit seiner bevorzugten Tradition arbeiten, jedoch eingebunden in unser Initiationssystem und den drakonischen alkhemistischen Prozeß.
Für den Hauptkörper des Dragon Rouge in Schweden ist natürlich das alte nordisch-odinistische System von großer Wichtigkeit, und für einige Magier steht es daher im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Allen oben genannten Traditionen gemeinsam ist die Tatsache, daß der Adept Schritt für Schritt eingeführt wird, hinunter in die Dunkelheit, wo er/sie sich zum Gott verwandeln kann. Wenn der Adept den Weg von Odin oder des ägyptischen, alchemistischen Gottes Chepera beschreitet und die Unterwelt betritt, wo er/sie sich ihm/ihr selbst opfert, kann er/sie die Transformation vollenden: von der Schöpfung zum Schöpfer. Die Welt wurde nicht in einem einzigen Moment irgendwann in der Vergangenheit erschaffen, wie die monotheistischen Religionen es lehren. Die Welt erschafft sich selbst in jedem Moment, wie schon Friedrich Nietzsche bemerkte.
Das Initiationssystem basiert auf 1 + 9 + 1 Stufe. Die erste Stufe liegt da, wo der Uneingeweihte seinen Weg beginnt. Eine Öffnung des Portals zur dunkeln Seite. Die folgenden 9 Stufen repräsentieren die 9
Ebenen der Nachtseite oder der Unterwelt, die Odin bei seiner eigenen Initiation durchqueren mußte – seiner Suche nach den Geheimnissen der Runen. Diese Stufen führen den Adepten zum Herzen der Finsternis und verwandeln den Menschen zum Gott (wie versprochen von der Schlange im Garten Eden, als der Mensch seine Einweihung begann und die Frucht der Erkenntnis aß. Siehe Genesis 3:5 :“Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: An dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott...“) Diese letzte Stufe ist jenseits der Grenzen der Schöpfung.
Die einzelnen Stufen und ihre magischen Inhalte:
Lilith 1.0 . Das Portal ins Unbekannte.
_______
2. Gamaliel 2.0 Die dunklen Träume. Astral Magie. Hexerei. Die
Mysterien des Dunklen Mondes. Die dunklen Göttinnen.
3. Samael 3.0 Die Philosophie des Pfades zur linken Hand. Die Weisheit des Wahnsinns. Yezidi Magie. Die dunkle Seite der Chakren.
4. A´árab Zaraq 4.0. Luziferische Magie. Die dunkle Seite der Venus. Eroto-Mystizismus und der Pfad des Kriegers.
5. Thagirion. 5.0. Die Erleuchtung der Nachtseite. Die Schwarze Sonne. Die Vereinigung des Gottes und der Bestie.
6. Golachab 6.0. Ragnarök. Die Erweckung von Surt/Sorath. Der Magnetismus von Lust und Leid.
7. Gha´agsheblah 7.0. Die höheren Ebenen des Eroto-Mystizismus. Vorbereitung auf den Abgrund.
8. Satariel 8.0. Das Öffnen des Auges von Luzifer/Shiva/Odin. Das Drakon Prinzip.
9. Ghagiel 9.0. Das Aufflammen des Sterns von Luzifer.
10. Thaumiel 10.0. Die Erfüllung des Versprechens, das die Schlange
gab. Göttlichkeit.
________
11. Thaumiel 11.0. Das schwarze Loch. Der Schritt in die neue
Schöpfung. Universum B.
Die Techniken des Dragon Rouge fundieren auf empirischem Okkultismus, was bedeutet, daß der Magier, neben dem ursprünglichen magischen System, alles gebraucht, was für ihn/sie funktioniert. Einige dieser Techniken basieren auf dem tantrischen System und wir arbeiten häufig mit Trance-Techniken.
Wie schon gesagt, fungiert die Kundalini dabei als der “innere Drache”. Wir versteifen uns jedoch nicht auf irgendeine bestimmte Mythologie oder Tradition – unser System des magisch-alkhemistischen Pfades kann von den unterschiedlichsten Systemen adaptiert werden.
Der Drache wird auch mit der ungebremsten Libido assoziiert. Welchen Stellenwert hat Sexualität?
Jede Form der Magie, die Kundalini-Kräfte beinhaltet, kann als Sex Magick bezeichnet werden. Allerdings kein Sex im physischen Sinn. Wir verwenden tantrische Techniken und arbeiten mit verschiedenen Aspekten der Kundalinischlange, wie Prana, Vril, Od, Ond und Megin – alles Formen der Energie, die im äußeren, wie auch im inneren Kosmos existieren und miteinander korrespondieren.
Auf der Ebene von Gamaliel 2.0 wird eine gewisse Succubus/Incubus – Kraft genutzt, um die Kundalini aus ihrem zusammengerollten, schlafenden Zustand am Fuß des Rückgrats zu erwecken und, von da
ausgehend, zu tieferen Ebenen vorzustoßen.
Eine magische Technik im Dragon Rouge wird als “Vampirismus” bezeichnet. Was darf man darunter verstehen?
Es gibt tatsächlich bestimmte Aspekte unserer magischen Arbeit, die mit diesem Begriff benannt werden können. Allerdings ist die vulgäre Interpretation des Vampirismus, die von den Trivialmedien aufgegriffen wurde und in billigen Horrorfilmen ausgeschlachtet wurde – also das “Blutsaugen” – lediglich ein schwacher Schatten des tatsächlichen Mysteriums. Das Trinken von Blut ist natürlich nur eine Metapher. In der drakonischen Magie wird Vampirismus nicht angewandt, um anderen Menschen Energie oder Lebenskraft abzuzapfen. Ganz im Gegensatz zum landläufigen Irrglauben, hat dies nichts mit dunkler Magie zu tun. Ein Dunkelmagier erweckt die Kundalini und aktiviert damit sein eigenes, inneres Energiereservoir. Er benötigt keine äußere oder fremde Energiequelle, sein Vampirismus wendet sich einzig und allein an ihn/sie selbst.
Anstatt diese Energie durch typische mentale/emotionale Muster zu erschöpfen, lenkt der Magier diese Energie und benutzt sie für seinen eigenen magischen Prozeß. In der Magie des Drachen entschlüsselt der Magier seine inneren Strukturen und Muster, setzt sie neu zusammen und programmiert sie neu, in Übereinstimmung mit dem alchemistischen Pfad. Das Symbol dieses Prozesses ist Chepera, die Versinnbildlichung des Zustands von einem höheren Bewußtsein, daß den Suchenden durch diesen Prozess und diese Entwicklung führt. Dieser Zustand steht über profanen Gedanken und niederen Identifikationen.
Im Prozeß des “Werdens”, der bewußten Arbeit mit dem Aspekt des “Daemons” oder der “Bestie”, nutzt der Adept die sexuelle Energie um die Kundalini zu aktivieren und das Stadium der Sonne/Schwarzen Sonne einzuleiten. Die sexuellen Energien von Gamaliel sind der Dynamo, der den “Thagirion”-Prozess (das Aufgehen der Schwarzen Sonne) mit Brennstoff versorgt. Die Ebene von Thagirion korrespondiert mit Wesen und Gottheiten wie dem Fenriswolf, dem Feuerriesen Surt, Sorath und, was am Wichtigsten ist, mit der magischen Daimon-Intelligenz des Adepten selbst.
Das Wort “Vampirismus” enthält Assoziationen vom “Trinken” – so, wie der drakonische Adept aus dem Kelch von Odroerir trinkt, dem Schwarzen Gral der Ekstase.
Drakonische Magie verwendet (ganz bewußt) Symbole und Techniken, die besonders bei “rechtshändigen” Traditionen, als negativ betrachtet und gemieden werden. Was halten Sie von diesen Warnungen und Befürchtungen?
Ein dunkelmagischer Orden arbeitet mit der Dunklen Seite, daher müssen seine Symbole zwangsläufig mit diesen Strukturen einher gehen. Viele dieser Symbole werden, besonders von den monotheistischen Religionen, als “böse” angesehen – aber was heißt das schon? Die allgemeine Dämonisierung unserer Lebenskraft und der in uns schlummernden Macht, hat dazu geführt, daß große Teile der Realität verborgen und verboten sind. Die Furcht vor diesen Anteilen entsteht vor allem dann, wenn wir über den Tellerrand unserer kleinen Welt schauen. Werfen Sie mal einen Blick auf alte Seefahrerkarten aus dem Mittelalter – dort, wo die bekannte, kartographierte Welt endete, vermutete man die Behausung von Ungeheuern, Drachen und riesigen Monstern. Aber die Dunkelheit des Unbekannten enthält uns selbst und unsere Göttlichkeit. Die schrecklichen Masken, die diese wundervollen Weisheiten verbergen, wandeln sich von schreienden Fratzen zu lachenden Gesichtern, während wir sie passieren. Sie lachen über die Welt und wir lachen mit ihnen. Viele Symbole, die als „dunkel“ oder „böse“ gebranntmarkt wurden, haben ursprünglich eine sehr positive Bedeutung. Zum Beispiel betrachte ich das Swastika („Hakenkreuz“) keineswegs als dunkel. Der (im Hinblick auf den Zeitraum) kurzfristige Mißbrauch dieses oder ähnlich alter Symbole kann die Struktur der ewigen Gesetze nicht beeinflussen. Wenn man nicht in der Lage ist, hinter die faule, äußere Haut zu blicken, hinter der sich die alten Symbole in unserer modernen Zeit verborgen haben, verpaßt man eine ganze Menge. Hinter unserer bewußten Wahl dieser Symbole steckt keinerlei „satanische“ Rebellion, aber dennoch vermeiden wir diesen Konflikt auch nicht. Rebellion ist letztendlich Stagnation - wenn man in einem System feststeckt, gegen das man rebelliert, ist man fester Bestandteil dieses Systems und wird nach wie vor von ihm beherrscht. Aber andererseits mag die Rebellion ein erster Ausweg sein. Die drakonische Magie bewegt sich außerhalb der enggesteckten Rahmen und Grenzen der monotheistisch geprägten, weltlichen Paranoia. Man muß die Konfrontation mit diesen„verbotenen“ Symbolen suchen um die Heucheleien des modernen Zeitalters hinter sich zu lassen. Daher verstehe ich durchaus, daß es eine satanische Bewegung gibt – aber im Satanismus fest zu stecken, bedeutet im Christentum fest zu stecken.
Beide sind voneinander abhängig, sie leben voneinander. Das auf dem Kopf stehende, inverse Pentagramm z.B. repräsentiert die Via Sinistra, den kopfüber hängenden Menschen. Die Spitze des Pentagramms zeigt auf die Erde, auf das „Hier und Jetzt“. Der Monotheismus hat die Seele der Welt von der Natur entfernt und sie in ein weit abgelegenes Himmelsreich verlegt. Somit wird das Erleben des unmittelbaren „Hier und Jetzt“ bedeutungslos, da die irdische Existenz und die Welt als solche, ein „böser“ Ort ist, voller Sünde und Gefahr. Zwei Resultate dieser Geisteshaltung sind die fortschreitende Zerstörung der Natur und die spirituelle Degeneration.
Der drakonische Adept benutzt diese Symbole für seine eigene, magische Entwicklung und er weiß, daß sie seit Urzeiten einen machtvollen Effekt auf den menschlichen Geist ausüben.
Welche Bedeutung hat der Schwarze Diamant, der Adamas Ater? Korrespondiert dieses Symbol mit dem Konzept der “Schwarzen Sonne” und der versteckten Bedeutung des alchemistischen Leitsatzes
“V.i.t.r.i.o.l.” ?
Der Schwarze Diamant bezieht sich auf die Einweihungsstufe Thaumiel
10.0 und steht hier für das Auge von Shiva/ Odin/Luzifer. Es ist die letzte Phase im Entwicklungsprozeß des göttlichen Funkens. Der Schwarze Diamant wird zum schwarzen Loch, das alle Energien der Kundalini aufsaugt und somit unzerstörbar wird.
Auf kabbalistischer Ebene arbeitet der Magier mit beiden Seiten des Lebensbaumes, aber sein Schwerpunkt liegt bei den Qliphoth. Daher erreicht der Magier irgendwann Kether, aber ebenso Thaumiel. Dort angelangt, hat der Kundalini-Prozeß seinen Endzustand erreicht. (Bei Vertretern des “rechtshändigen Pfades” ist das Ziel normalerweise die Vernichtung der Kundalini.) Der Zustand von Kether wird dargestellt durch den Weißen Diamanten und manifestiert sich im weißen Sahasrara-Chakra (Scheitel- oder Kronchakra) – dies ist der Zustand, der in vielen Traditionen als “Eins-sein mit Gott” bezeichnet wird (Samadhi). Er wird ausgedrückt durch die Nummer 10.
Der drakonische Adept aber, der bei seiner Initiation ebenso durch die Qliphoth geführt wurde, kann einen Schritt weiter gehen. Durch das schwarze Loch taucht er hindurch in eine Ebene die jenseits von Kether und Samadhi liegt. Anstelle der angestrebten “Verschmelzung mit Gott”, wird der Magier selbst zum Gott.
Die alchemistische Formel “V.I.T.R.I.O.L.” beschreibt die initiatorische Reise. Natürlich korresponiert diese Reise letztendlich mit dem Schwarzen Diamanten. Die Schwarze Sonne hat eine andere Bedeutung: sie bezieht sich auf die Erkenntnis und Arbeit mit dem Zustand des eigenen Daimon.
Bei den Kelten wurden die Könige Pendragons genannt. Einige behaupten, daß das heilige Königtum bis in das quasi-mystische Reich von Atlantis zurückreicht und über Sumer, Babylon und Ägypten nach Europa kam. Auch die sumerischen Könige wurden „Drachen“ genannt. Sind diese Konzepte von Bedeutung im Dragon Rouge?
Mystische Königreiche wie Atlantis, ob symbolischer Natur oder als tatsächliche, historische Wirkungsstätten, können mit großer Wahrscheinlichkeit als die Ursprungsorte der drakonischen Magie angesehen werden. Es gibt zahlreiche Spuren, die in vielen Kulturen gefunden werden können: bei den Ägyptern, bei den Sumerern/Babyloniern, bei den indo-europäischen Yezidi, etc. Im Dragon Rouge arbeiten wir mit dem Konzept von Atlantis eher auf einer astralen Ebene, als Symbol für einen bestimmten Zustand des Bewusstseins.
Die Beschäftigung mit den Chakren und der Kundalini-Kraft ist zu einer regelrechten Modeerscheinung in der modernen Esoterik-Szene geworden. Es wird viel geredet und geschrieben, aber man vermißt wirkliches Verständnis. Birgt die Kundalini-Kraft nicht auch gewisse Gefahren?
Viele Leute, selbst solche, die ernsthaft mit der Kundalini arbeiten, sind sich nicht bewußt, daß neben der inneren die äußere Kundalini existiert, die Erdkraft. Der Drache symbolisiert Energie in seiner höchstpotenzierten Form. Mit der Kundalini zu arbeiten, ohne zu verstehen, welch extreme Kraft sie beinhaltet, ist äußerst gefährlich. Eine weitere große Gefahr unserer Zeit besteht darin, einen spirituellen Pfad zu gehen und nur das zu akzeptieren, was einem gefällt oder was man versteht. Das ist symptomatisch für den rechtshändigen Pfad. Der Drache wird auch als Fraktal dargestellt, das ewig sich wandelnde Muster. Diese dynamische Energie ist ein Pulsschlag, dem der drakonische Magier folgt. Es ist der Atem des Chaos, konstante Schöpfung und Zerstörung. Wenn der Magier gegen den Strom schwimmt, sich gegen die Schöpfung stellt, dann deshalb, weil er/sie dem Pulsschlag folgt. Gegen die bestehende Ordnung anzugehen, kann auch ein Weg sein, um seinen eigenen Pulsschlag herauszuhören. Echter Widerstand hat allerdings nichts damit zu tun, Dinge zu machen, die Andere als “falsch” oder “böse” empfinden. Es geht vielmehr darum, den herausfordernden Pfad zu gehen und seine eigenen inneren Muster und Strukturen zu zerbrechen und neu zu formen. Echter Widerstand ist ein recht schwieriger Aspekt, da er extreme Disziplin und Willenskraft erfordert.
Der drakonische Magier kann seine Reise mit dem Pulsschlag der Energie durch seinen Willen steuern und ist kein passiver Passagier. Diese Arbeit mit der drakonischen Kraft symbolisiert das Große Werk. Jeder ist imstande, die Kundalini zu erwecken, aber diese Kräfte zu kanalisieren und zu lenken, erfordert größte Anstrengung. Für einen Magier, der mit einem klassischen westlichen System arbeitet, ist es ziemlich schwierig, da diese Strukturen die Kundalinikraft nicht beinhalten. Das System des Tantra ist wiederum sehr von der indischen Kultur geprägt und um es wirklich zu verstehen, müßte man fast schon zum Inder werden.
Als Nordeuropäer kann man jedoch ebensogut das Nordische System und seine Önd-Kraft verwenden, man kann mit den Drachenlinien der Erde und mit den Runen arbeiten. Das alte nordische System eignet sich hervorragend, um zusammen mit der Kundalini-Kraft angewendet zu werden.
Wo liegen die Wurzeln des Dragon Rouge?
Thomas Karlsson wurde von einem geheimen Organ von Eingeweihten der typhonischen Yezidi-Tradition erwählt, den Orden des Dragon Rouge zu gründen und diese Lehren weiter zu geben. 1990 wurde der Orden offiziell ins Leben gerufen. Wir arbeiten mit der Yezidi Tradition, nicht in einem kulturellen oder weltlichen Sinne, sondern einzig und allein in Weiterführung der uralten, inneren Drakonischen Mysterien, die von dieser Tradition bewahrt und erhalten wurden.
Ich bedanke mich für dieses sehr ausführliche und tiefschürfende Gespräch.
Interview & Übersetzung:
Frater ∴ LT ∴
Zurück
|
|